Aktuelles
Keine Angst vor kleinen Strahlendosen
Röntgenstrahlen kommen bei allen Röntgenaufnahmen,
Durchleuchtungen, der Mammographie und der modernen Mehrschicht-Spiral-Computertomographie
zum Einsatz. Die Nuklearmedizin nutzt zur Diagnostik die Strahlung,
die von radioaktiven Substanzen ausgeht. Wegen ihrer besonderen
physikalischen Eigenschaften nennt man diese Strahlen zusammenfassend
auch ionisierende Strahlen.
Röntgenstrahlen und andere ionisierende Strahlen
allgemein sind von jeher vielen Menschen unheimlich: man sieht
sie nicht, man hört, schmeckt, riecht oder fühlt sie
nicht; keiner unserer Sinne kann uns sagen ob sie da sind oder
nicht. Röntgenstrahlen waren und sind daher seit dem Augenblick
ihrer Entdeckung und der Möglichkeit zu ihrer kontrollierten,
künstlichen Erzeugung durch Wilhelm Conrad Röntgen ein
Faszinosum und Kuriosum zugleich, etwas Geheimnisvolles, ja fast
sogar Mystisches. Heute wissen wir objektiv über die Wirkung
von Röntgenstrahlen weit mehr als über irgendeine der
vielen synthetischen chemischen Substanzen, mit denen wir im Alltag
zu tun haben oder die in unseren Medikamenten enthalten sind.
Seit ihrer Entstehung vor mehreren Milliarden Jahren
ist die Erde stets unterschiedlichen Arten und Mengen (Dosen)
ionisierender Strahlung (Teilchen- und Wellenstrahlung) ausgesetzt
gewesen. Diese kommt aus dem Weltraum (kosmische Strahlung) aber
auch aus den radioaktiven Stoffen unserer Erde, die ihrerseits
Strahlung aussenden (terrestrische Strahlung).
Alles Leben auf unserem Planeten hat sich daher
unter dem gestaltenden Einfluß und in Gegenwart dieser Strahlungen
entwickelt.
Von daher besitzen alle Organismen seit Urzeiten
natürliche Abwehr- und Anpassungs-mechanismen, die sie in
einem oft unterschätzten Umfang vor unerwünschten Strahlenwirkungen
schützen. Es gibt sogar experimentelle Befunde, daß
wiederholte sehr kleine Strahlendosen auch bei höheren Organismen
im Gegenteil durchaus günstige (bio-positive) Effekte haben
können.
Nur wenige von uns machen sich bewußt, daß
jeder Mensch auf der Erde ständig und unmerklich einer natürlichen
ionisierenden Strahlung ausgesetzt ist, die aus dem Weltraum,
dem Erdboden, der Nahrung, aber auch als Folge des Austausches
mit der Umwelt aus dem eigenen Körper herrührt. Diese
natürliche Strahlenexposition schwankt beispielsweise mit
der wechselnden Strahlungsaktivität der Sonne. Sie ist vor
allem aber von unseren individuellen Lebensbedingungen abhängig,
z.B. der geologischen Beschaffenheit der Region, den im Hausbau
verwendeten Materialien, der Höhe über dem Meeresspiegel
usw. Sie kann daher allein in Deutschland um den Faktor 10 schwanken,
und in anderen Regionen der Erde sogar um den Faktor 20 höher
sein als bei uns.
Außerdem setzen wir uns, oft unwissentlich,
einer zusätzlichen Strahlenexposition aus, z.B. wenn wir
längere Flugreisen unternehmen. So verdoppeln beispielsweise
5 interkontinentale Flugreisen über jeweils 2 x 10 Stunden
die mittlere jährliche Strahlenexposition gegenüber
unserer Exposition aus natürlichen Strahlenquellen bei Aufenthalt
auf der Erdoberfläche. Sehr viel höher sind die Belastungen
der Astronauten in der Erdumlaufbahn; sie sind kritisch und schwer
kalkulierbar bei einer 3-jährigen Marsexpedition. Auch unter
der Erde, in Höhlen oder Bergwerken, kann die Strahlenexposition
erheblich höher sein als an der Erdoberfläche.
Demgegenüber hat sich durch die Anwendung von
ionisierenden Strahlen vor allem in der medizinischen Diagnostik
(Röntgendiagnostik und Nuklearmedizin) eine weitere, zivilisatorische
Strahlenexposition der Bevölkerung ergeben, die mittlerweile
die natürliche Strahlendosis um etwa 70 % erhöht. Die
kerntechnischen Anlagen haben einen kaum meßbaren Anteil
an der mittleren zivilisatorischen Strahlenexposition unserer
Bevölkerung.
Die "klassischen" Strahlenschäden an der Haut bis
zum Geschwür und Strahlenkarzinom oder Haarausfall, die in
den ersten Jahren der medizinischen Anwendung der Röntgenstrahlen
beobachtet wurden, oder die "Strahlenkrankheit" als
Folge eines Strahlenunfalls oder einer militärischen oder
terroristischen Anwendung von Strahlenwaffen treten nur nach hohen
Strahlendosen auf. Derartig hohe Strahlendosen kommen in der Röntgendiagnostik
nicht vor. Ebenfalls sind selbst bei einer unbeabsichtigten Röntgenuntersuchung
einer Frau in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft üblicherweise
keine Fehlbildungen oder Entwicklungs-störungen des Kindes
zu befürchten. Alle diese Strahlenwirkungen zeichnen sich
durch eine "Schwellendosis" aus, unterhalb der keine
Effekte auftreten können; sie werden daher auch als "nicht-stochastische"
oder "deterministische Effekte" bezeichnet.
Bei kleinen und sehr kleinen Dosen ionisierender
Strahlung, so in der Röntgendiagnostik und Nuklearmedizin,
kommt es eventuell zu Wirkungen auf molekularbiologischer Ebene.
Auch kleine und sehr kleine Dosen ionisierender Strahlung beeinflussen
die Erbsubstanz, das Makromolekül Desoxyribonukleinsäure
- DNA -, aus der die Chromosomen aufgebaut sind. Die DNA besteht
aus zwei um einander spiralig verschlungenen und regelmäßig
querverbundenen, spiegelbildlichen Strängen. Brüche
eines einzelnen Stranges (Einfachstrangbrüche) sind meist
von der Zelle ohne Folgeschäden zu reparieren: diese Mechanismen
besitzen die Zellen seit Urzeiten. Doppelstrangbrüche, die
kaum reparabel sind, treten jedoch nach in der medizinischen Diagnostik
üblichen Strahlendosen nicht auf. Diese Effekte können
nach der molekular-biologischen Theorie bereits durch ein einzelnes
Strahlenquant (Primärereignis) ausgelöst werden: Für
die molekularbiologische Strahlenwirkung gibt es keine Schwellendosis.
Die Erbsubstanz (DNA) der Körperzellen wird
vom Organismus ständig benutzt, um Eiweiße (Proteine)
herzustellen. Diese sind Bausteine des Körpers und als Enzyme
für die Steuerung von Stoffwechselvorgängen unentbehrlich.
Werden DNA-Schäden nicht oder fehlerhaft repariert, so können
die Veränderungen der DNA in den Körperzellen zur Synthese
"falscher" Proteine führen. Diese wiederum können
den Stoffwechsel der Zelle so verändern, daß Defekte
entstehen und z.B. das Wachstums- und Ausbreitungsverhalten der
Zelle nicht mehr kontrolliert werden kann und eine bösartige
(maligne) Zelle entsteht: kanzerogener Effekt. Die gleichen Veränderungen
der DNA können aber auch von Viren oder Chemikalien ausgelöst
werden oder auch spontan entstehen, ohne daß man die auslösende
Ursache nachher noch erkennen kann.
In jedem Menschen entstehen tagtäglich spontan
viele Hunderttausend, vielleicht sogar Millionen solcher defekter
Zellen. Die Entstehung einer defekten oder veränderten Zelle
bedeutet aber noch nicht zwangsläufig, daß der Mensch
an einem Tumorleiden erkranken wird. Erst wenn "entartete"
Zellen nicht spontan absterben (Apoptose) und wenn sie nicht oder
nicht mehr vom Immunsystem des Körpers, der nächsten
Abwehrebene, als "verändert" oder "gefährlich"
erkannt und abgetötet werden, kann sich aus ihnen eine Tumorkrankheit
entwickeln. Das Immunsystem ist nicht bei jedem Menschen gleichermaßen
gut ausgebildet; es kann durch physische und psychische Belastungen
geschwächt werden, und verliert mit Alterung des Organismus
zudem langsam an Leistungsfähigkeit.
Nach den gleichen Mechanismen können Veränderungen
der DNA an den Keimzellen auftreten und so zu Mutationen bei kommenden
Generationen führen: genetischer Effekt. Eventuelle Schädigungen
der Keimzellen werden also erst in den folgenden Generationen
sichtbar, können aber auch ganz verborgen bleiben.
Man faßt beide Effekte, den kanzerogenen und
den genetischen Effekt, als "zufällige" oder "stochastische
Strahlenwirkungen" zusammen. Nur sie können überhaupt
bei kleinen und sehr kleinen Strahlendosen als potentielle Strahlenwirkungen
erwartet werden. Für alle stochastischen Strahlenwirkungen
gilt aber:
Je kleiner die Strahlendosis ist, desto unwahrscheinlicher
ist der Eintritt einer Wirkung.
Bei sehr kleinen Dosen sind diese Wirkungen daher
statistisch entsprechend sehr selten zu erwarten. Für die
stochastische Primärwirkung wird in der molekularbiologischen
Theorie zwar keine Schwellendosis angenommen, doch erschöpfen
sich die nachgeschalteten Reparatur- und Abwehrmechanismen des
höheren Organismus aufgrund ihrer endlichen Kapazität
erst bei einem bestimmten Schadensanfall in einem gegebenen Zeitraum
und versagen auch erst dann:
Für den Gesamtorganismus darf daher auch hinsichtlich
der stochastischen Strahlenwirkung kleiner und sehr kleiner Strahlendosen
von einer "Toleranzdosis" ausgegangen werden.
Der molekularbiologische "Glaubenssatz",
der heute die öffentliche und politische Diskussion um die
Wirkung kleiner und kleinster Strahlendosen beherrscht, ja streckenweise
lähmt, nämlich daß jedes einzelne Strahlenquant
bereits schädlich ist und einen lebensbedrohlichen Schaden
verursachen kann, muß daher mit Blick auf die komplexe Struktur
des menschlichen Gesamtorganismus dringend relativiert werden.
Für eine zurückhaltendere Bewertung der
zweifellos korrekten molekularbiologischen Erkenntnisse spricht
auch, daß sehr große Schwankungsbreiten der natürlichen
Strahlenexposition vom Menschen ohne nachweisbare Erhöhung
der Tumor- oder Mutationsrate toleriert werden. Außerdem
hält der Mensch aus seiner Entwicklungsgeschichte sehr viele
zusätzliche Informationen in seiner Erbsubstanz gespeichert,
die er nie in seinem Leben benötigt ("genetische Reserve").
Es werden nur schätzungsweise 5 % der gesamten Information
der Erbsubstanz eines Menschen jemals in seinem Leben aktiviert
und benutzt, so daß die überwiegende Mehrzahl der zu
erwartenden stochastischen Wirkungen an der DNA für das Individuum
derzeit unklar und möglicherweise nur wenig bedeutsam ist.
Bei Röntgenuntersuchungen ist stets der Nutzen
gegenüber dem meist nur theoretisch vorhandenen Risiko der
Strahlenexposition abzuwägen.
Im täglichen Leben werden kleine und sehr kleine
Risiken meist implizit gleich Null gesetzt: z.B. das individuelle
Risiko, auf der nächsten Autofahrt tödlich zu verunglücken.
Diese Strategie ist für das Individuum wie für die Gesellschaft
gleichermaßen überlebensnotwendig, da sonst alle Lebensäußerungen
und Handlungen aus Angst vor unerwünschten Konsequenzen unterbleiben
müßten. Viel zu wenig wird zudem beachtet, welche negativen
Konsequenzen das Unterlassen einer Handlung, z.B. einer Röntgenuntersuchung,
hat.
Viele Fortschritte in der Medizin, wie z.B. die
Tuberkulosebekämpfung vergangener Jahrzehnte, wären
ohne die Röntgendiagnostik nicht möglich gewesen. Wenn
eine Röntgen- oder nuklearmedizinische Untersuchung richtig
indiziert ist - d.h. die jeweilige Untersuchung ist erforderlich,
sie ist geeignet die medizinische Fragestellung zu beantworten
und kann nicht durch andere Untersuchungen ohne Strahlenexposition
(auch unter dem Aspekt der Praktikabilität und Verfügbarkeit)
ersetzt werden - so wird der Nutzen der Untersuchung heute jedes
Risiko überwiegen. Gerätetechnische Fortschritte und
eine mittlerweile engmaschige Qualitäts-kontrolle haben in
den vergangenen drei Jahrzehnten die Strahlenexposition bei Röntgen-untersuchungen
teilweise auf ein Zehntel verringert. Zugleich wurde die diagnostische
Qualität optimiert und so der Nutzen für den Patienten
gesteigert, letzteres gilt in besonderem Maße für die
Mammographie, die moderne Mehrschicht-Spiral-Computertomographie
und die digitale Radiographie.
Es besteht die begründete Sorge, daß
mittlerweile in der Bundesrepublik Deutschland mehr Menschen in
Folge einer unterlassenen als in Folge einer durchgeführten
Strahlendiagnostik sterben.
Es darf daher nicht länger sein, daß
aus "Strahlenangst" eine Röntgenuntersuchung oder
eine nuklearmedizinische Untersuchung nicht zur rechten Zeit angefordert
und ausgeführt werden mit der Folge, daß eine Erkrankung
zu spät erkannt und eine Heilungschance leichtfertig vertan
wird.
"Nec temere, nec timide" - weder furchtsam,
noch unbesonnen: Das ist der Schlüssel zum verantwortungsbewußten
Umgang mit ionisierender Strahlung in Medizin und Technik, dem
wir uns als Praxis für Radiologie und Nuklearmedizin verpflichtet
fühlen.
Ihre Radiologen und Nuklearmediziner
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